15.06.08

Ein kritischer Blick auf Das Wunder von Wien

VON AHMED ABDALLA.

 

In der Fake-Doku (einer sogenannten 'mockumentary') „Das Wunder von Wien" macht Regisseur David Schalko im Auftrag des ORF Österreich zum Europameister, noch bevor der erste Anpfiff überhaupt ertönt ist. Ein bis dato weitgehend unbekannter deutscher Spieler namens Ruska wird noch knapp vor Anmeldeschluss eingebürgert, ins Österreichische Nationalteam einberufen und entpuppt sich als Goldgriff. Er erzielt alle wichtigen Tore und ist maßgeblich daran beteiligt, dass Österreich schließlich im Finale gegen die Niederländer als Sieger und Europameiser vom Platz geht. Der kleine Fußball-Underdog Österreich tritt in die Fußstapfen von Dänemark und Griechenland und zeigt, dass man nicht Millionen verdienen muss um Millionen zu begeistern.

Aber Moment mal, Griechenland und Dänemark? Ja, die haben es doch wirklich geschafft Europameister zu werden. Wer hätte jemals geglaubt, dass Griechenland die EM gewinnen würde. Wer, außer einem stockbetrunkenem Griechen, der in seiner Volldichten tausende von Pfund auf seine Heimatmannschaft gewettet hatte. Als dann Charisteas endlich den Pokal küsste, durfte unser Ouzufreund einen fetten Patzen Kohle im Wettbüro kassieren.

Oder der Underdog Dänemark. Die Mannschaft war nicht einmal für die EM qualifiziert. Sie beendeten die Vorgruppenphase als Dritter hinter Jugoslawien, die leider wegen dem Jugoslawien-Krieg aus dem Turnier ausgeschlossen wurden, was Dänemark schlussendlich erlaubte mitzuspielen. Während andere Teams sich in Trainingcamps die Seele aus dem Leib schwitzten, brutzelten die blassen Dänen in der karibischen Sonne. Ein Anruf genügte und das Team versammelte sich um sich das zu holen von dem sie im Urlaub geträumt hatten, den Europameistertitel.

 

Und nun Österreich. Die Mannschaft überraschte in den Freundschaftsspielen immer wieder aufs Neue. Viele Zuschauer und Kritiker wurden Lügen gestraft als Österreich mit nur drei Verteidigern gegen die Sommerträumer Deutschland nach der ersten Halbzeit "mit 0:0 in Führung lag". Man fühlte sich ermutigt nach St. Michael zu fahren und seinen Patriotismus beim Gruppenübungsplatz wieder auszugraben, oder wie es bei mir der Fall war, seinen Patriotismus aus dem Leibstuhl zu kratzen. Noch nie hat man die österreichische Nationalmannschaft so spielen gesehen, außer im „Wunder von Wien", wo viele Szenen aus dem Deutschland-Match wiederverwendet wurden.

Die EM-Propagandamaschinerie läuft auf Hochtouren. Alles ist Fußball und Fußball ist alles. Nichts bleibt vor dem geplanten Nationalbewusstsein verschont, nichts entgeht dem kalkulierten Patriotismus, nicht einmal die Geschichtsschreibung. Ganz egal was die Zukunft bringen mag, wir haben sie überholt. Während 'Mockumentaries' wie „Stanley Kubrik und der erste Mann am Mond" oder Peter Jacksons „Forgotten Silver" Ereignisse aus der Vergangenheit aus einem leicht verzerrtem Blickpunkt schildern, erschafft der ORF eine Traumzukunft. Sie erfüllen einen Wunsch, den man bis dato kaum wagte auszusprechen. „Wir wollen Europameister werden!"

Doch auch wenn es eine Zukunftsvision ist, scheint Schalko an ein „History repeating" zu glauben. Österreich trifft mit soliden 6 Punkten und einem Fixaufstieg im Letzten Gruppenspiel auf Deutschland, die mit 2 Unentschieden einen Sieg brauchen um aufzusteigen. Nach einem Tor von Hitzerslberger, welches aus dem zuvor erwähntem Freundschaftsspiel recylet wurde, geht Deutschland mit 1:0 in Führung. Das Spiel wird eine explizite Hommage an die Weltmeisterschaft 1982 in Gijón, Spanien, wo sogar Schneckerl mit von der Partie war. Ein Skandalspiel in dem sich die beiden Mannschaften abgesprochen hatten den Ball nicht ins Tor zu befördern, sondern ihn gemütlich hin und her zu passen. Doch im „Wunder von Wien" stellt Hickersberger klar dass beide Mannschaften hier gewinnen wollten, „Österreich halt mit der B-Mannschaft"

Die Leidtragenden dieser „scheinbar" oder sollte man sagen „scheinbar scheinbaren" geschobenen Partie waren die Polen, die nach einem 3:1 Sieg gegen Kroatien nach Hause fahren mussten. Hier finden wir ein nettes Beispiel der eurozentristischen und hegemonialen Dominanz gegenüber slawischen Ländern. Kroatien, die eine der stärksten Mannschaften bei der diesjährigen Euro stellen und im wirklichen Spiel gegen Deutschland als Sieger vom Feld gingen, werden aus David Schalkos Sicht zu Verlierern erklärt. Die Polen oder Leute von „Ostländern", wie Otto Baric so nett formuliert, werden zu Hooligans abgestempelt und dadurch zum Feindbild gemacht. Die Helden sind ganz klar die Österreicher, die dank der tiefgründigen Erklärung von Hicke Hicke nur mit einer B-Mannschaft aufgetreten sind und deshalb wieder mal in die Opferrolle fallen. Die Deutschen sind die wahren Nutznießer, auf Kosten der armen Österreicher und der übergangenen Polen und Kroaten. Klar kann man jetzt kommen und sagen dass das alles nur ironisch ist. Factum est, wir haben hier eine klassische nationale Hierarchie, die 'ironischerweise' Österreich an die Spitze und slawische Länder nach unten setzt.

 

Doch man muss ja nicht gleich das Hakenkreuz an die Wand malen. Immerhin ist der Held des Films selbst von slawischer Abstammung, nämlich "der Peter Ruska". Ein charmanter, netter und liebevoller Mädchenschwarm der nicht nur super fußballspielt sondern auch immer bereit für Interview ist. In einem Interviewsetting wird versucht ihn als besonders liebenswert und verträumt dazustellen, ganz einfach durch einen angeschnitten Gitarrenkopf und einem Regal voller Schallplatten. Oft wird explizit auf seine tschechischen Wurzeln aufmerksam gemacht und die Parallele zu Prohaska, der ebenfalls einen tschechischen Namen hat, gezogen. Neben dem Fußballwunder von Wien wird auch noch ein Society-Held erschaffen. Hier sieht man sehr schön wie eng Fußball mit der Gesellschaft bereits verknüpft ist. Denken wir nur an Beckham und das Jahr als Wayne Roony erschien. Beckham nahm ihn bei einem Interview in den Arm und sagte zu der Kamera „I will teach him how to cope with fame". Das Roony ein braver Schüler des Beckmans war sieht man jetzt in seiner 5 Millionen Pfund Hochzeit, die exklusiv in den Tabloids von England abgebildet wurde. Roony, der am Rasen überzeugt, erschafft eine Traumhochzeit, vielleicht überzeugt er auf dem anderen Rasen nicht so :-).

Den engsten Kontakt zwischen Fußball und Gesellschaft findet man in den Public Viewings, die seit der Weltmeisterschaft in Deutschland zum Synonym für extreme Fußballparty geworden sind. Public Viewings bilden einen wichtigen Teil im „Wunder von Wien" und stimmen dazu ein Fußball kollektiv zu zelebrieren. Immer wieder werden Stimmungsbilder eingefangen, die jubelnde Österreicher in rot-weiß-roter Montur in Jubelposen zeigen. In Wien, Graz und vielen anderen Städten wurden extra offizielle Fanmeilen eingerichtet, die dafür sorgen, dass Carlsberg als Hauptbiersponsor seinen Profit erhöht und kleine abgelegener Bars leer bleiben, trotz neuem LCD-Fernseher.

 

Das Wunder von Wien ist im großen und ganzen ein unterhaltsamer Film, den man sich wie ein Fußballspiel gerne einmal anschaut, aber sicher nicht zweimal. Er fällt für mich persönlich unter klassische Propaganda, die dazu anregen soll die EM zu feiern und ihr ja nicht kritisch gegenüber zu stehen. Die Kritik am Nationalteam wird relativiert durch die Absurdität der Geschichte und des fiktiven Charakters Ruska. Dem Film fehlt es im generellen an dramaturgischer Spannung, was aber durch lustige Kommentare wettgemacht wird. Leider wird die Mannschaft von Kroatien komplett übergangen, und die Polen als Hooligans dargestellt, was wie zuvor erwähnt eine sehr überholte, aber in Österreich noch immer gängige Superiorität gegenüber Slawischen Ländern indirekt aufzeigt. Klar wäre es schön wenn das „Wunder von Wien" wahr werden würde und nicht nur eine Fiktion bleibt. Aber wie sagt Method Man so schön: „expect the unexpected", deshalb möchte ich diesen Beitrag mit den Film-Schlussworten vom polnischen Nationalteamtrainer Leo Beenhakker beschließen „Congrats. Now fuck off".

 

 

12.03.08

Sind wir Oscar?

VON MAX WERSCHITZ.

 

"Wir sind Weltmeister!" ertönte es bereits vier mal (ja, vier mal, wir wollen doch nicht auf die Damen vergessen) aus den Kehlen deutscher Fußballfans.

"Wir sind Papst!" schallte es von der Titelseite der deutschen Bildzeitung am 20. April 2005.

"Wir sind Oscar!" brüstet sich nun halb Österreich seit dem 24. Februar 2008.

Und bei diesem Satz ist es dann hierzulande nicht nur Hobbylinguisten, denen die blinde Übernahme der deutschen Boulevardblattdiktion ein Gräuel war, ein bisserl aufgestoßen, sondern vor allem zahlreichen österreichischen FilmemacherInnen - und zwar gewaltig.

 

Feiern wir mit

Denn was diese scheinbar enthusiastische Solidaridätsbekundung ganz locker im Vorbeigehen verschleiert ist ein klassisches - und ich nehme mal an nicht nur österreichisches - Mentalitätsdefizit: Schuld wird gerne auf andere abgeschoben, Erfolge werden jedoch gerne für sich selbst beansprucht - oder zumindest gemeinsam gefeiert.

So gratulierten unser Bundeskanzler und unsere Kunst- und Kultur-Ministerin postwendend per Presseaussendung. So strömten die ÖsterreicherInnen plötzlich in Scharen zurück ins Kino um einen Film zu sehen der vor dem Oscar-Urteil von ihnen nur magere Aufmerksamkeit bekommen hatte. Und so bekam die "Österreichische Filmwirtschaft", was auch immer man sich als Laie genau darunter vorstellen mag und kann, plötzlich unerwartete Aufmerksamkeit. Und da keimte für einen Moment wieder Hoffnung auf.

 

Die Lage der (Film)nation

Wie steht es denn in tu felix Austria um den Film? Nicht ganz so felix wie es sollte. Ein Artikel vom 29. Februar in der Online-Version der 'Presse' gibt etwas Aufschluss: "Das Budget des Österreichischen Filminstitutes ist heuer mit 12,6 Mio Euro etwa so hoch wie im Jahr 1998", und das bei einem nationalen Jahresproduktionswertes der Branche von 148,5 Mio Euro (der sich somit übrigens wieder auf demselben Stand wie 2004 eingependelt hat).

Und der ORF macht es nicht besser: laut Schätzungen der Initiative Film TV (www.initiativefilmtv.at) fällt das Budget für heimische Fiktional- und Dokumentationsformate von 41 Mio. Euro im Jahr 2001 auf heuer 15 bis 20 Mio. Euro. Der ORF setzt lieber auf den Einkauf von US-Produktionen.

 

Es ist also kein Wunder wenn sich österreichische FilmemacherInnen bei einem lauthalsen öffentlichen "Wir sind Oscar!", um es freundlich zu formulieren, verarscht fühlen. Der österreichische Film als fördernswertes Kulturgut mit Zukunftspotential wird von eben derselben Öffentlichkeit, entweder direkt (schlechte Besucherzahlen) oder indirekt (über unsere repräsentative Demokratie), ignoriert oder sogar implizit sabotiert. Und das ist ziemlich kurzsichtig, wie Josef Aichholzer (der Produzent von 'Die Fälscher') meint: "Es sind nicht mehr die Sängerknaben und Sound of Music, die unsere Identität im Ausland bestimmen, es sind dies Hanekes und Ruzowitzkys, die dies für Österreich leisten."

Aichholzer meint in seinem Offenen Brief an Claudia Schmied und Andreas Mailath-Pokorny (u.a. veröffentlicht auf derstandard.at, 3. März 2008) weiters dass "die Filmpolitik, also Bund und Stadt Wien, gefordert ist, Aufgaben zu erfüllen, denen sie seit einem guten Jahrzehnt nicht nachkommt: den Nachwuchs an den Markt heranführen, den Mittelbau stärken, die Vielfalt sicherstellen, Stoffe und Genres entfalten lassen, die Spitze fördern, 'strategische Konzepte zum Filmstandort Österreich' entwickeln. Schlicht: ein Konzept samt Strategie und Budget in die Hand zu nehmen."

In seinen Augen wird im Moment nur eine "Verteilung des Mangels" praktiziert, und er macht dies mit folgendem Beispiel anschaulich: "Man wird keinem Fußballteam folgenden Unsinn zur Disposition stellen: Trainieren wir nur den Tormann oder nur das Mittelfeld? Es ist eine bizarre und leider auch desaströse Logik, es ist die Absenz von Filmpolitik. Dies schadet und hemmt das österreichische Filmschaffen seit zehn Jahren."

 

Und recht hat er, meine ich. Und recht geben ihm auch diverse österreichische Filme die später zwar internationale Preise einheimsten aber von der Filmförderung entweder unzureichend Geld bekommen hatten oder von der Förderungsbewilligungs-Jury eiskalt abgewürgt wurden: in ersterem Fall so geschehen mit 'Die Fälscher' selbst, in zweiterem zum Beispiel mit 'South of Pico' von Ernst Gossner (von drei Preisen beim 'Pan African Festival' in Los Angeles u.a. der für Beste Regie). In beiden Fällen wurde natürlich, so Aichholzer, dann der "österreichische Erfolg" von hiesigen Medien und PolitikerInnen bejubelt, respektive für sich beansprucht.

 

Fazit

Sind wir also Oscar? Nein.

Wir haben ihn.

Wir haben einen.

 

Und wenn die Politik nicht bald aufwacht wird es auch immer unwahrscheinlicher werden dass dieser irgendwann einmal Gesellschaft bekommt.

Und obwohl ich, wie einige meinen, ein unverbesserlicher Optimist bin, kann ich durchaus ein übles Fünkchen Wahrheit in den jüngst von Renate Meschuh (u.a. 'Kurzfilm Graz') geäußerten Worten finden:

"Glaubt's ihr wirklich dass die uns jetzt mehr Geld geben, nur wegen dem Oscar? Jetzt werden sie sagen: Wenn die schon mit so wenig einen zustande bringen, dann geht das mit noch weniger auch."